Ich bin heute beim Aufräumen auf einen etwa zwei Jahre alten Tagebucheintrag gestoßen. In diesem habe ich mich ziemlich eingehend mit dem Schreiben mit Stift und Papier beschäftigt und das mit den heute gängigen elektronischen Varianten verglichen. Eigentlich war der Eintrag damals nur Mittel zum Zweck, denn ich hatte gerade meinen inzwischen volljährigen Füller nach zwei Jahren Ruhepause reaktiviert und philosophierte dann in Ermangelung anderer Ideen erstmal etwas zu diesem Thema. Als ich das dann heute wieder gelesen habe befand ich das für nach wie vor interessant genug, so daß daraus nun ein neuer Bla(h)fasel-Eintrag entstanden ist.
Heutzutage wird ja ein Großteil der Korrespondenz per E-Mail erledigt. Das ist praktisch, schnell und man kann auch gleich noch zusätzlich Daten durch die Gegend schicken. Auch Chats sind ziemlich verbreitet zur schnellen Kommunikation. Ich betone das schnell hier derartig, weil es in der heutigen Welt größtenteils einfach notwendig ist, auf diese Weise zu kommunizieren, weil es eben schnell gehen soll. Ein anderer Weg der Echtzeitkommunikation ist in dieser Hinsicht das Telefon, aber damit tu ich mich ziemlich schwer, allein schon weil ich gar keins habe… Deswegen wird das in diesem Rahmen auch nicht weiter diskutiert.
Für bestimmte Anwendungszwecke mag ich die vermeintlich modernen Kommunikationsmöglichkeiten allerdings einfach überhaupt nicht. So zum Beispiel bin ich (nach einem gewissen Lern- und Reifeprozess) inzwischen ein Anhänger der Briefpost, in ausgewählten Fällen zumindest. Das mag anachronistisch klingen (und eigentlich ist es das auch, wenn man sich überlegt, daß man für einen Brief einen Haufen Porto blecht und es dann auch noch mehrere Tage dauert, bis er mal angekommen ist), aber ein Brief, also so ein richtiger mit Umschlag und Briefmarke und allem Dran und Drum hat etwas, was ein Chat oder eine E-Mail niemals haben kann: Ausstrahlung.
Einen Brief zu erhalten ist gerade in der heutigen Zeit etwas besonderes (von Werbemüll mal abgesehen). Man macht den Briefkasten auf, sieht den Briefumschlag, dreht ihn ein paarmal, prüft den Absender und überlegt, was dieser wohl mitzuteilen hat. Dann setzt man sich (also zumindest mach ich das so) in Ruhe hin, macht den Umschlag auf und liest den Brief ganz in Ruhe, vielleicht auch zwei- oder dreimal. Bei einer E-Mail ist das ganz anders. Man öffnet ganz unzeremoniell das Mailprogramm, sieht schon anhand des Subjects, um was es geht (meistens jedenfalls), trifft anhand dieser Information die Entscheidung, wie wichtig die Nachricht ist, überfliegt dann den Text, klickt auf „Antworten“ und tippt fix was dazu, oder auch nicht.
Viel schlimmer aber ist, daß jede Mail gleich aussieht (von so Verbrechen wie HTML mal abgesehen), immer die gleiche Schriftart und -größe. Die einzige Möglichkeit, da etwas Individualität hineinzubringen ist der Schreibstil – und das geht meistens einfach nur daneben. Bei einem richtigen Brief ist das ganz anders, schon aufgrund des Faktors Handschrift. Allein diese verleiht einem Brief eine individuelle Note, die keine Mail und keine Chat-Nachricht jemals haben kann. Hinzu kommt der Hang, in den elektronischen Kommunikationsvarianten Emoticons und Abkürzungen zu verwenden, weils Platz, Zeit und eventuell auch Geld spart. Für wirklich persönliche Dinge ist das aber völlig unbrauchbar. Ein aufrichtiges und ausgeschriebenes „Dankeschön“ ist mir tausendmal lieber als ein schnell dahingetipptes „thx“, von kryptischen Verunstaltungen der Sprache oder, ganz banal, Verzicht auf Groß- und Kleinschreibung mal ganz abgesehen.
Ich bin in dieser Beziehung ziemlich altmodisch. Wenn es um etwas persönliches geht was eine individuelle Note haben soll, dann greife ich sofort zu Papier und Stift. Das darf dann natürlich auch nicht irgendein Stift sein. Bleistift verbietet sich von selbst, da nicht abriebfest und schlecht lesbar. Kugelschreiber sind zwar praktisch, aber damit kann jeder schreiben, außerdem muß man da ziemlich aufdrücken, was dem Schriftbild abträglich ist. Nein, ein wirklich gutes und ansprechendes Ergebnis kriege zumindest ich ausschließlich mit dem klassischen Füllfederhalter hin.
Zu meinem selbstpersönlichen Eigenexemplar habe ich ohnehin ein besonderes Verhältnis. Das habe ich ca. 1989 geschenkt gekriegt, damals war ich in der dritten Klasse. Und seitdem benutzte und benutze ich diesen Füller, von kurzen Ausnahmen einmal abgesehen. Mit ihm habe ich meine Abiturklausuren und alle Prüfungen beim Studium geschrieben, außerdem Briefe, Notizen, Unterrichts- und Vorlesungsmitschriften und was man sonst noch so blau auf weiß notiert. Zwischendurch hat er eine neue Kappe und ein paar Ersatzteile spendiert gekriegt, aber das Herzstück, die Feder, ist noch original, das ist eben Wertarbeit (für 12 Ostmark damals).
Nicht nur, daß das Schreiben mit Füller eine ganz spezielle Note hat, es ist auch unheimlich praktisch: Wenn ein Füller richtig gut eingeschrieben ist (und das ist meiner zweifelsohne),
dann genügt ein ganz leichtes Ziehen über das Papier, kein Aufdrücken, keine verkrampfte Handhaltung. Das schont nicht nur das Handgelenk, es ermöglicht auch ein extrem schnelles Schreiben, wenn man nicht gerade eine völlig verschnörkelte Handschrift hat. Nuja, meine Handschrift verzichtet auf derartige Schnörkel, lesbarer wird sie davon aber auch bloß nicht… Aber es ist eben meine Handschrift, und als solche Ausdruck meiner Persönlichkeit. Und genau deswegen schreibe ich Dinge, die mir persönlich wichtig sind, in eben dieser Handschrift und mit meinem steinalten Füller. Wer also von mir mal einen Brief kriegt, den ich schön mit Tinte geschrieben habe, kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, daß er mir wichtig ist. Insbesondere gilt das natürlich für so delikat schöne Sachen wie Liebesbriefe. In einer Zeit, in der man per SMS kommuniziert und eine Beziehung auch schon mal auf diese Art beendet, halte ich es für besonders wichtig, sich die Zeit zu nehmen, einen Brief so richtig zu verfassen, eben weil es ein Zeichen einer hohen Wertschätzung ist.
Überhaupt ist das Briefschreiben eine Kunst für sich, wenn mans richtig machen will. Im Gegensatz zur Textverarbeitung kann man ja nicht einfach so lange dran herumbasteln, bis alles paßt und man die richtigen Worte gefunden hat. Stattdessen muß man vorher überlegen, was man schreiben will und wie man sich ausdrücken möchte. Das ist viel spannender, und oft genug ertappe ich mich dabei, daß ich ganze Passagen in Texten lösche und neu schreibe oder Absätze vertausche oder oder oder.
Das Ergebnis mag dann zwar inhaltlich und vom Ausdruck her perfekt sein, aber es verliert dadurch auch den Charakter, einfach weil es durch mehrere Korrekturprozesse, die Rechtschreibprüfung und möglicherweise auch noch unter Mithilfe eines Thesaurus entstanden ist. Ein Brief hingegen ist vielleicht nicht so perfekt, enthält durchgestrichene Wörter, Interpunktionsfehler oder verbesserungsfähigen Ausdruck, aber er gibt genau damit relativ unverfälscht wieder, was der Verfasser zum Zeitpunkt des Schreibens dachte. Nun könnte natürlich der geneigte Leser einwenden, daß dieser Text in elektronischer Form mit Korrektur und so weiter entstanden ist. Ja, ist er, aber wie weiter oben bereits erwähnt, entstand die ursprüngliche Fassung ja vor Jahren direkt auf dem Papier, und zwar so gut, daß ich nur wenige Dinge ändern brauchte.
Langer Rede kurzer Sinn, so praktisch E-Mails, Chats und SMS im täglichen Gebrauch sein mögen (bei SMS sehe ich diesen aber nach wie vor kaum), sobald es um eine individuelle Note geht, setze ich nach wie vor auf etwas handschriftliches, bevorzugt mit meinem Füller. Also Leute: Schreibt mal wieder.

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